Umzüge sind eine lästige Angelegenheit. Die Arbeit bleibt liegen, das Konto wird strapaziert und auch um die bürokratischen Begleiterscheinungen kommt man nicht herum. Hat man dann für den Standortwechsel auch noch eine Strecke von fast 3000 Meilen zurück zu legen und ein komplettes Studio im Gepäck, nimmt das Ganze gleich eine ganz andere Dimension an. So muss es auch für das experimentelle Folk-Duo High Places gewesen sein, hinter dem Rob Barber und Mary Pearson stecken. Vor etwa zwei Jahren packten die beiden ihre Sachen und kehrten der US-Amerikanischen Ostküste den Rücken zu, um im sonnigen Kalifornien ein neues Zuhause zu finden. Vom New Yorker Bohème-Viertel Brooklyn sollte es einmal quer durch die Vereinigten Staaten nach Los Angeles gehen. »Der Grund für unseren Umzug war schlichtweg das menschliche Grundbedürfnis nach einem sonnigen Plätzchen«, erklärt Rob Barber im E-Mail-Wechsel und fügt hinzu: »Ich habe fast mein ganzes Leben in New York verbracht und brauchte einfach mal einen Tapetenwechsel.«
Mittlerweile gut eingelebt, steht nun das dritte Album des Duos auf Thrill Jockey an und bildet den persönlichen wie musikalischen Drang zur Veränderung ziemlich exakt ab. Das organische und improvisatorische Moment der frühen Veröffentlichungen ist mittlerweile fast gänzlich verschwunden und immer klarer werdenden Bezügen zur britischen Club-Kultur und der dazugehörigen Musik gewichen: 2-Step, Garage, Dubstep. Dieser Weg überrascht insofern, dass man das Duo vor allem aus dem klassischen DIY-Kontext der US-amerikanischen Noise- und Punk-Szene kennt – und eben nicht aus einem Umfeld wie Süd-London, wo gebrochene Rhythmen und tieffrequente Bässe quasi mit der Muttermilch aufgesogen werden. Aus dieser eigenwilligen Perspektive gelingt es den beiden, das britische Bass-Kontinuum um verblüffend neue Facetten zu ergänzen, denen auch ein ohnehin polarisierender Terminus wie Post-Dubstep nicht mehr gerecht wird.
Für Rob scheinen beide Welten ohnehin gar nicht so weit auseinander zu liegen: »In den Achtzigern gab es in New York deutliche Überschneidungen zwischen der Techno- und Hardcore-Szene, weswegen ich eben auch früh mit Club-Musik in Berührung kam. Heutzutage sind wir vielleicht nicht die typischen Raver, aber von Zeit zu Zeit packt es uns doch noch mal und wir gehen tanzen.« Gerade diese Distanz zum extrem schnelllebigen Elektronik-Betrieb schlägt sich auch auf »Original Colors« nieder. Denn ähnlich wie das britische 2-Step-Enigma Burial, der ein wesentlicher Einfluss für beide war, bilden High Places vielmehr den Nachhall einer exzessiven Clubnacht ab, die trübe Erinnerung an stampfende Bässe und pulsierende Synthesizer. »Die letzten fünf Jahre waren in musikalischer Hinsicht wirklich eine Explosion. Burial hat einfach so viele Leute komplett umgehauen und ein ganz neues Ding losgetreten, das so viel melodischer als alles zuvor war“, schwärmt Rob.
Doch nicht nur die düsteren UK-Garage-Skizzen des lange gesichtslos gebliebenen Puristen beeindruckten beide gleichermaßen. Auch Namen wie Modeselektor, The Bug oder Blawan fallen. Die Inspiration beschränkt sich bei beiden aber lange nicht nur auf die Bass-Musik der britischen Prägung. Besonders auf textlicher Ebene spielt ein ganz anderer Faktor die Hauptrolle: Das ausgiebige Reisen. Eine große Passion der beiden, die Mary auf lyrischer Ebene besonders zu spielt und allerlei Natur-Metaphern mit sich bringt. »Die Texte auf Original Colours sind sehr von unseren Trips nach Australien und Mexiko beeinflusst. Angesichts dieser weitläufigen, offenen Wüstenlandschaften half es mir sehr, meine Texte auf den Punkt zu bringen.« Rastlosigkeit als Inspirations-Quelle. So lange dabei solch weit gedachte Elektronik-Entwürfe wie »Original Colours« heraus kommen, wünscht man sich, dass die beiden noch den ein oder anderen Umzug vor sich haben.
High Places »Original Colors« (Thrill Jockey / Rough Trade), VÖ: 04.11.2011
Tourdaten:
02.12.2011, Weekend-Festival, Köln
03.12.2011, HAU 2, Berlin
05.12.2011, B72, Wien
06.12.2011, Kranhalle, München
