Ein ausrangierter Kino-Komplex, ein dreitägiges Konzert-Programm und jede Menge Filmklassiker. Innerhalb dieser Koordinaten ging am vergangenen Wochenende ein Festival über die Bühne, das in jeglicher Hinsicht »different« war – wie es schon der Untertitel der Veranstaltung andeutete.
2. – 4.12.2011, Köln, Alter Ufa-Filmpalast.
Ungewöhnlich war bereits der Austragungsort: Der 1931 erbaute, aber seit 2010 leerstehende UFA-Filmpalast am Kölner Hohenzollernring wusste mit seinem verblichenen Nachkriegs-Charme durchaus zu überzeugen. Das Filmhaus galt lange als Westdeutschlands größtes Kino und kann neben dem ausladenden Foyer mit 13 Sälen und bis zu 3000 Sitzplätzen aufwarten. Der Freitag Abend begann ganz im Zeichen der experimentellen Agenda und wurde von dem wahnwitzigen New Yorker Shitgaze-Popper Gary War im Foyer eröffnet. Die nicht minder experimentierfreudigen High Places durften wenig später schon den großen Kinosaal einweihen und stellten ihr aktuelles Album »Original Colors« auf der Bühne vor. Die Wandlung vom schrägen Folk-Pop zu clublastigeren Entwürfen (siehe Feature vom Oktober) geht dem Duo aus L.A. auch live gut von der Hand, hätte aber zu späterer Stunde doch etwas besser gepasst. Nach soliden Darbietungen von Jochen Distelmeyer, Roedelius/Schneider und Jaques Palminger mit dem Due Nutti Soundsystem konnte John Maus im Foyer einen würdigen Abschlussakzent für die Nacht setzen und gab dem Publikum nach langen Sitz-Partien endlich die Möglichkeit, sich noch einmal richtig auszutoben.
Wem die Stimmung am ersten Tag aufgrund der großzügigen Bestuhlung sonst noch etwas zu kontemplativ war, der könnte spätestens am zweiten Tag sehr dankbar für die Sitzgelegenheiten gewesen sein – konnte man so doch auf die bequemste Art und Weise die Wunden vom Vortag auskurieren. Aufstehen brauchte man bei dem hochkarätigen Programm des zweiten Tages ohnehin nicht. Nach dem fantastischen Art-Rock Duo Buke And Gass betraten Family Fodder zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder die Bühne und interpretierten mit wunderbar obskurem Instrumentarium Songs von Erik Satie und Franz Schubert neu. Wem das noch nicht schrullig genug war, der dürfte spätestens mit dem Lo-Fi- und Homerecording-Pionier R. Stevie Moore (Foto) bedient gewesen sein. Der exzentrische Songwriter lieferte eine höchst unterhaltsame Show ab, wälzte sich auf dem Boden, rupfte sich den halben Bart aus, trank viel Wein aus der Flasche und trug dabei die wohl coolste Hose der Welt. Nach viel Gelächter verabschiedete sich Moore mit dem Stinkefinger und schallenden »Swag!!«-Rufen. Großartig. Für das visuelle Highlight sorgten wenig später The Stepkids, die nicht nur selbst komplett in weiß gekleidet waren, sondern auch Schlagzeug, Verstärkertürme und anderes Equipment in Bettlaken hüllten, um als Projektionsfläche einer wahnwitzigen Visual-Performance zu dienen. So wurden zu dem psychedelischen R’n’B-Rock abstrakte Muster, mäandernde Formen und weite Sternenhimmel auf Musiker und Bühne geworfen, die den Saal in eine höchst surreale Atmosphäre tauchten. Spätestens jetzt hielt die Zuschauer auch nicht mehr viel auf den Sitzen.
Nachdem der Sonntag Nachmittag mit großartigen Filmen wie »Zwei Glorreiche Halunken« oder »The Wizard Of Oz« verbracht werden durfte, stand mit Thurston Moore und Band noch einer der heißerwarteten Headliner des Festivals auf dem Programm. Wer in Anbetracht der aktuellen Platte »Demolished Thoughts« einen entspannten Ausklang des Wochenendes erwartete wurde glücklicherweise enttäuscht. Thurston Moore wird wohl immer der schelmenhafte Jungspund bleiben und hat auch nach über zwanzig Jahren noch sichtbar Spaß an minutenlangen Feedback-Orgien und äußerst kreativem Umgang mit der Gitarre. Die orchestrale Instrumentierung der neuen Songs wurde in der Live-Situation zwar etwas von den elektrisch verstärkten Akustik-Gitarren geschluckt, konnte aber dennoch in den richtigen Momenten für Nachdruck sorgen. Zum Schluss gab es gleich zweimal Standing Ovations. Für einen großartigen Auftritt – und für ein perfektes Festival.
Mitveranstalter Jörg Waschat gab zwar kurz zuvor noch zu Protokoll, sich nach den arbeitsreichen Vorbereitungen der letzten Wochen wie der (ungeölte) Zinnmann aus »The Wizard Of Oz« zu fühlen – dürfte schließlich aber mindestens so erleichtert gewesen sein wie Dorothy Gale nach dem Ableben der bösen Hexe des Westen.
WEEK-END FEST 2011 Trailer from WEEK-END on Vimeo.
