Abenteuer sind mit Musik in heutiger Zeit nur noch selten zu erleben. Eine Ausnahme bildete die diesjährige Transmediale, die sich selbstgewählt dem Geisterhaften und Jenseitigen in der Musik zuwandte. Christoph Büscher war vor Ort.
30.1.-5.2.2012, Berlin, verschiedene Orte
Die Menschenschlange, die sich bei gefühlten -18 Grad vor der Passionskirche über den Kreuzberger Marheinekeplatz zieht, erregt Aufmerksamkeit. Ein verwunderter Passant kann nicht ganz glauben, dass hunderte Hipster-Typen hier ausgerechnet für ein Orgelkonzert anstehen. Doch Klangforscher Tim Hecker hat an diesem Abend genau das im Programm. Zwar ist der Ambient-Künstler aus Montreal nicht komplett auf Kirchenmusik umgestiegen, aber geistig im weitesten Sinne ist das Konzert, das an diesem Samstagabend das Kirchenschiff in mächtige Vibrationen versetzt, schon. Zur live gespielten Orgel, die parallel über zwei große Verstärkertürme abgenommen und mit allerlei Effekten prozessiert wird, mischt Hecker Material seines letzten Albums »Ravedeath, 1972« – ebenfalls in einer Kirche aufgenommen – zu dunkel und bedrohlichen Schwingungen, die das Gebäude erschüttern und dabei leider auch weitgehend den Originalklang der Orgel mit einem dichten Klangbrei zudecken.
Damit passt Hecker gut zum diesjährigen Schwerpunkt des »Festivals für abenteuerliche Musik«, das sich mit dem Motto »Spectral« dem Geisterhaften und Jenseitigen in der Musik zuwandte. Vom schamanisch-rituellen Kehlkopfgesang des Phurpa-Chors bis hin zu den Echos, die solch magische Musik in den Clubsounds des Labels »Tri Angle« hinterlässt, dessen Künstler am Donnerstag im Berghain aufliefen. Weitere Highlights waren mit Sicherheit auch die Releaseparty des neuen Mouse On Mars-Albums »Parastrophics«, die Live-Show von Mohn, dem neuen Projekt von Wolfgang Voigt und Jörg Burger, sowie die aufwendige Retro-Inszenierung der 1970er-Psychedelic-Lightshow von Joshua White, die an drei Abenden das Auditorium des Haus der Kulturen ausverkaufte.
Persönlicher Höhepunkt war jedoch gleich das Eröffnungskonzert, das wie in den vergangenen Jahren einem Pionier der elektronischen Musik gewidmet war. Dieser Ehrenplatz ging diesmal an die 80jährige Komponistin Eliane Radigue, die sich bereits in den 1960ern einer radikal-minimalistischen Musik verschrieb, die auf Tape-Feedback und Synthesizern basierte, und die dieses Prinzip seit ein paar Jahren auf akustische Instrumente zurück überträgt. Ihr dreiteiliger Zyklus »Naldjorlak« für Cello und Bassetthorn wurde dank des unglaublichen Könnens und der Präzision der aufführenden Charles Curtis, Carol Robinson und Bruno Martinez zu einer zweistündigen Meditation über kaum wahrnehmbare Tonverschiebungen, Obertöne und feinste Schwebungen, bei der das minutenlange verharren auf einem einzelnen Ton eine Stille und Konzentration entstehen ließ, die näher an höhere Geisteszustände herankam als so manch andere »hypnotische« Musik es sonst jemals schafft. Meisterhaft geisterhaft.
CTM Trailer from MFO on Vimeo.







