6. Februar 2012 von ChristophBuescher

Abenteuer sind mit Musik in heutiger Zeit nur noch selten zu erleben. Eine Ausnahme bildete die diesjährige Transmediale, die sich selbstgewählt dem Geisterhaften und Jenseitigen in der Musik zuwandte. Christoph Büscher war vor Ort.

30.1.-5.2.2012, Berlin, verschiedene Orte
Die Menschenschlange, die sich bei gefühlten -18 Grad vor der Passionskirche über den Kreuzberger Marheinekeplatz zieht, erregt Aufmerksamkeit. Ein verwunderter Passant kann nicht ganz glauben, dass hunderte Hipster-Typen hier ausgerechnet für ein Orgelkonzert anstehen. Doch Klangforscher Tim Hecker hat an diesem Abend genau das im Programm. Zwar ist der Ambient-Künstler aus Montreal nicht komplett auf Kirchenmusik umgestiegen, aber geistig im weitesten Sinne ist das Konzert, das an diesem Samstagabend das Kirchenschiff in mächtige Vibrationen versetzt, schon. Zur live gespielten Orgel, die parallel über zwei große Verstärkertürme abgenommen und mit allerlei Effekten prozessiert wird, mischt Hecker Material seines letzten Albums »Ravedeath, 1972« – ebenfalls in einer Kirche aufgenommen – zu dunkel und bedrohlichen Schwingungen, die das Gebäude erschüttern und dabei leider auch weitgehend den Originalklang der Orgel mit einem dichten Klangbrei zudecken.

Damit passt Hecker gut zum diesjährigen Schwerpunkt des »Festivals für abenteuerliche Musik«, das sich mit dem Motto »Spectral« dem Geisterhaften und Jenseitigen in der Musik zuwandte. Vom schamanisch-rituellen Kehlkopfgesang des Phurpa-Chors bis hin zu den Echos, die solch magische Musik in den Clubsounds des Labels »Tri Angle« hinterlässt, dessen Künstler am Donnerstag im Berghain aufliefen. Weitere Highlights waren mit Sicherheit auch die Releaseparty des neuen Mouse On Mars-Albums »Parastrophics«, die Live-Show von Mohn, dem neuen Projekt von Wolfgang Voigt und Jörg Burger, sowie die aufwendige Retro-Inszenierung der 1970er-Psychedelic-Lightshow von Joshua White, die an drei Abenden das Auditorium des Haus der Kulturen ausverkaufte.

Persönlicher Höhepunkt war jedoch gleich das Eröffnungskonzert, das wie in den vergangenen Jahren einem Pionier der elektronischen Musik gewidmet war. Dieser Ehrenplatz ging diesmal an die 80jährige Komponistin Eliane Radigue, die sich bereits in den 1960ern einer radikal-minimalistischen Musik verschrieb, die auf Tape-Feedback und Synthesizern basierte, und die dieses Prinzip seit ein paar Jahren auf akustische Instrumente zurück überträgt. Ihr dreiteiliger Zyklus »Naldjorlak« für Cello und Bassetthorn wurde dank des unglaublichen Könnens und der Präzision der aufführenden Charles Curtis, Carol Robinson und Bruno Martinez zu einer zweistündigen Meditation über kaum wahrnehmbare Tonverschiebungen, Obertöne und feinste Schwebungen, bei der das minutenlange verharren auf einem einzelnen Ton eine Stille und Konzentration entstehen ließ, die näher an höhere Geisteszustände herankam als so manch andere »hypnotische« Musik es sonst jemals schafft. Meisterhaft geisterhaft.

CTM Trailer from MFO on Vimeo.

5. Dezember 2011 von Philip Fassing

Ein ausrangierter Kino-Komplex, ein dreitägiges Konzert-Programm und jede Menge Filmklassiker. Innerhalb dieser Koordinaten ging am vergangenen Wochenende ein Festival über die Bühne, das in jeglicher Hinsicht »different« war – wie es schon der Untertitel der Veranstaltung andeutete.

2. – 4.12.2011, Köln, Alter Ufa-Filmpalast.

Ungewöhnlich war bereits der Austragungsort: Der 1931 erbaute, aber seit 2010 leerstehende UFA-Filmpalast am Kölner Hohenzollernring wusste mit seinem verblichenen Nachkriegs-Charme durchaus zu überzeugen. Das Filmhaus galt lange als Westdeutschlands größtes Kino und kann neben dem ausladenden Foyer mit 13 Sälen und bis zu 3000 Sitzplätzen aufwarten. Der Freitag Abend begann ganz im Zeichen der experimentellen Agenda und wurde von dem wahnwitzigen New Yorker Shitgaze-Popper Gary War im Foyer eröffnet. Die nicht minder experimentierfreudigen High Places durften wenig später schon den großen Kinosaal einweihen und stellten ihr aktuelles Album »Original Colors« auf der Bühne vor. Die Wandlung vom schrägen Folk-Pop zu clublastigeren Entwürfen (siehe Feature vom Oktober) geht dem Duo aus L.A. auch live gut von der Hand, hätte aber zu späterer Stunde doch etwas besser gepasst.  Nach soliden Darbietungen von Jochen Distelmeyer, Roedelius/Schneider und Jaques Palminger mit dem Due Nutti Soundsystem konnte John Maus im Foyer einen würdigen Abschlussakzent für die Nacht setzen und gab dem Publikum nach langen Sitz-Partien endlich die Möglichkeit, sich noch einmal richtig auszutoben.

Wem die Stimmung am ersten Tag aufgrund der großzügigen Bestuhlung sonst noch etwas zu kontemplativ war, der könnte spätestens am zweiten Tag sehr dankbar für die Sitzgelegenheiten gewesen sein – konnte man so doch auf die bequemste Art und Weise die Wunden vom Vortag auskurieren. Aufstehen brauchte man bei dem hochkarätigen Programm des zweiten Tages ohnehin nicht. Nach dem fantastischen Art-Rock Duo Buke And Gass betraten Family Fodder zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder die Bühne und interpretierten mit wunderbar obskurem Instrumentarium Songs von Erik Satie und Franz Schubert neu. Wem das noch nicht schrullig genug war, der dürfte spätestens mit dem Lo-Fi- und Homerecording-Pionier R. Stevie Moore (Foto) bedient gewesen sein. Der exzentrische Songwriter lieferte eine höchst unterhaltsame Show ab, wälzte sich auf dem Boden, rupfte sich den halben Bart aus, trank viel Wein aus der Flasche und trug dabei die wohl coolste Hose der Welt. Nach viel Gelächter verabschiedete sich Moore mit dem Stinkefinger und schallenden »Swag!!«-Rufen. Großartig. Für das visuelle Highlight sorgten wenig später The Stepkids, die nicht nur selbst komplett in weiß gekleidet waren, sondern auch Schlagzeug, Verstärkertürme und anderes Equipment in Bettlaken hüllten, um als Projektionsfläche einer wahnwitzigen Visual-Performance zu dienen. So wurden zu dem psychedelischen R’n’B-Rock abstrakte Muster, mäandernde Formen und weite Sternenhimmel auf Musiker und Bühne geworfen, die den Saal in eine höchst surreale Atmosphäre tauchten. Spätestens jetzt hielt die Zuschauer auch nicht mehr viel auf den Sitzen.

Nachdem der Sonntag Nachmittag mit großartigen Filmen wie »Zwei Glorreiche Halunken« oder »The Wizard Of Oz« verbracht werden durfte, stand mit Thurston Moore und Band noch einer der heißerwarteten Headliner des Festivals auf dem Programm. Wer in Anbetracht der aktuellen Platte »Demolished Thoughts« einen entspannten Ausklang des Wochenendes erwartete wurde glücklicherweise enttäuscht. Thurston Moore wird wohl immer der schelmenhafte Jungspund bleiben und hat auch nach über zwanzig Jahren noch sichtbar Spaß an minutenlangen Feedback-Orgien und äußerst kreativem Umgang mit der Gitarre. Die orchestrale Instrumentierung der neuen Songs wurde in der Live-Situation zwar etwas von den elektrisch verstärkten Akustik-Gitarren geschluckt, konnte aber dennoch in den richtigen Momenten für Nachdruck sorgen. Zum Schluss gab es gleich zweimal Standing Ovations. Für einen großartigen Auftritt – und für ein perfektes Festival.

Mitveranstalter Jörg Waschat gab zwar kurz zuvor noch zu Protokoll, sich nach den arbeitsreichen Vorbereitungen der letzten Wochen wie der (ungeölte) Zinnmann aus »The Wizard Of Oz« zu fühlen – dürfte schließlich aber mindestens so erleichtert gewesen sein wie Dorothy Gale nach dem Ableben der bösen Hexe des Westen.

WEEK-END FEST 2011 Trailer from WEEK-END on Vimeo.

1. Dezember 2011 von Philip Fassing

Wenn aus der letztjährigen Witch House-Blase ein substantielles Label hervorgegangen sein sollte, dann dürfte das wohl mit Sicherheit Tri Angle Records aus Brooklyn sein. Mit Künstlern wie How To Dress Well wuchs das junge Label schnell über die Blogosphäre hinaus und konnte sich auch jenseits von schnelllebigen Schlagwörtern etablieren. Nun wagt sich Tri Angle zum ersten Mal im größeren Stile auf europäischen Boden und bringt mit Balam Acab (Foto), Holy Other und oOoOO auch gleich drei seiner spannendsten Protagonisten mit. In Deutschland wird das Showcase passenderweise im Berliner Berghain abgehalten, das mit seiner sakralen wie industriellen Aura wohl der perfekte Austragungsort für die düsteren Soundscapes der Tri Angle-Schützlinge sein dürfte.

02/02/12 – Berghain / Berlin
03/02/12 – Trouw / Amsterdam
04/02/12 – E8 Warehouse TBA / London
08/02/12 – AB Box / Brussels
09/02/12 – Point FMR / Paris

BALAM ACAB – Apart from kohnkepik on Vimeo.

1. November 2011 von Philip Fassing

Washed Out

31.10.2011, Studio 672, Köln

Als Ernest Greene vor etwa drei Jahren damit begann, in dem alten Kinderzimmer seines Elternhauses sehnsüchtigen LoFi-Pop zu produzieren, hätte er sich das aktuelle Interesse an seiner Musik wohl kaum ausmalen können. Der Grund für den damaligen Müßiggang waren ausbleibende Jobangebote nach dem Studium – ein Problem, dass sich mittlerweile erübrigt haben dürfte. Sein Debütalbum »Within And Without« katapultierte ihn im Sommer endgültig aus den eingeschworenen Blog-Zirkeln der digitalen Early Adaptor und sollte den sympathischen Wuschelkopf am Abend des 31. Oktobers samt Band im Kölner Studio 627 stranden lassen.

Der intime Rahmen und das gediegene Ambiente des Kölner Clubs erwiesen sich bereits im vergangenen Juni bei den Junior Boys als der perfekte Platz für ausformulierten Synthpop mit  melancholischer Note. Wobei Washed Out im Bandformat tatsächlich als eine von Slowdive und Peter Gabriel informierte Variante des Kanadischen Duos durchgehen könnten. Die anfänglichen, leicht verunsicherten Laptop-Auftritte gehören sichtbar der Vergangenheit an. Neben einem Schlagzeuger und Bassisten wird Greene auf der Bühne von zwei weiteren Kollegen flankiert, die das Klangbild mit Backing-Vocals, Percussion und Synthesizer-Einsatz auffächern. Im Bandkollektiv löst sich Washed Out fast völlig von den sonst so dominierenden Samples und Loops. Viele Titel des Abends muten so eher wie extrem gut umgesetzte Cover-Versionen der ursprünglichen Songs an, die sich häufig nur noch an den Gesangsharmonien identifizieren lassen. Nur in seltenen Fällen, wie etwa dem Opener des aktuellen Albums »Eyes Be Closed« werden mit Hilfe eines iPads die Original-Samples eingebaut.

Greene selbst gibt sich bei all dem überraschend aufgeweckt, feuert das Publikum zum mitsingen, tanzen und klatschen an und will generell so überhaupt nicht in das Bild des entrückten Shoegazers passen, das sich beim Hören seiner Musik unwillkürlich vor dem inneren Auge formiert. Selbst von gelegentlichem Feedback-Dröhnen lässt sich niemand aus der Ruhe bringen. Bevor die Zuschauer nach einer perfekt auf den Punkt gebrachten Show in den Halloween-Abend entlassen werden, gibt es als Zugabe noch die Cover-Version von Chris Isaaks »Wicked Game«. Schaurig gut.

Washed Out – Eyes Be Closed by Posh Magazine

Washed out – “Wicked Game (Chris Isaak Cover)” by Creeping Wave

20. Oktober 2011 von Wolfgang Froemberg

Week-End

Besser kann man seine Leidenschaft nicht auf den Punkt bringen: Von Fans für Fans sei das Festival gemacht, verspricht der kurze Ankündigungstext auf der Homepage des Kölner »Week-End«. Im Gebäude des ehemaligen Ufa-Palasts, später Filmpalast, 1931 als Prestigeprojekt vom Architekten Wilhelm Riphahn erbaut und inzwischen wie so einige andere Kölner Lichtspielstätten mit glorreicher Vergangenheit leerstehend, wird am ersten Dezember-Wochenende 2011 tatsächlich ein Programm geboten, das selbst denjenigen, die in den letzten Jahren nichts von den Entwicklungen in den Mikrokosmen des Kölner (Pop-)Kulturbetriebs mitbekommen haben, auf den ersten Blick sowohl die Kuratorenhand sichtbar macht, als auch den eng miteinander verwobenen Kontext, von dem das hoch ambitionierte Line-Up aufgefangen wird, wie der Seiltänzer von dem unter ihm aufgespannten Netz.[ad]Allein auf den Zustand der Location muss man gespannt sein, barg der verzweigte und verschachtelte »Palast« doch zeitweise mehr als zehn, wenn auch teils sehr kleine Kinosäle – und verfügte außerdem über ein imposant großes Foyer. Es muss vom 02. – 04. Dezember auch einiges untergebracht werden: Allein für den Freitag sind bislang sechs Band-Konzerte, ein Soundsystem und ein DJ angekündigt. Das einheimische Publikum wird nicht überrascht sein, dass hinter dem vorzüglichen Booking der umtriebige Jan Lankisch steckt, der auch die Klubbar King Georg in den letzten Jahren mit Hätz un Schnüss zu einem Ort gemacht hat, an dem FreundInnen von frühestem DIY, schrägstem Postpunk, low-fiigster Elektronik und newester Wave im Wochentakt Feste feiern dürfen. In diesem Sinne:

John Maus, der ein wenig so klingt wie Julian Cope in seiner düstersten Synthiephase, die sympathisch-sphärischen High Lamas aus L.A, und der an Devo der Mittsiebziger erinnernde Gary War aus Brooklyn treffen am Auftaktabend auf die wahlkölner DJ-Ikone Michael Mayer sowie die Hamburg-Connection mit Jacques Palmingers Due Nutti Soundsystem und dem einzig wahren Jochen Distelmeyer, der offensichtlich nicht müde wird, alte Blumfeld-Songs mit den Stücken seines ersten Solo-Albums zu einem erbaulichen Set zu verquicken. Womöglich präsentiert er an diesem »Week-End« ja aber auch die ein oder andere Neuigkeit im Repertoire. Man darf gespannt sein.

Am Samstag geht es weiter mit der semi-legendären Family Fodder, die bereits 1979 im schönen Umfeld solcher Acts wie Blondie und The Slits gegründet wurde und ihren ersten Live-Auftritt nach zwanzig Jahren Bühnenabstinenz absolvieren wird. Dazu gesellt sich der inzwischen über-legendäre R. Stevie Moore, in dessen Fall es sich noch um Understatement handelte, würde er sich selbst als Gott der DIY-Szene bezeichnen. Natürlich tut der beinahe Sechzigjährige mit ungefähr 400 Alben auf dem Buckel so was nicht – er lässt lieber seine Songs für sich sprechen, und zwar kein bisschen leise. Das Brooklyner Duo Buke and Gass, ebenfalls auf den Samstag gebucht, begnügt sich nicht mit einem unverwechselbaren Sound jenseits aller Art-, Prog- und Punk-Rock-Klischess. Es stellt auch ein ganz eigenes Instrument vor – die Bariton-Ukulele, kurz »Buke«. Für Französisch-Nachhilfe sorgt die bezaubernd-schnoddrige Francoisz Breut, James Pants und die Schotten Optimo bestreiten den Abend für die Tanzbeine.

Da erscheint es fast als Randnotiz, dass am Sonntag mit Thurston Moore ein Held des Alternative Rock seine Aufwartung macht, der sich das Credo »Von Fans für Fans« ebenfalls mal hinter die Ohren geschrieben hatte, damals, als es mit Sonic Youth losging. Der ewig junge Mann ist ja nun auch schon über Fuffzig und hat drei Soloalben abgeliefert, wird sich aber bestimmt vom vielfältigen Schaffen im Rahmen des »Week-End« und dem geschichtsträchtigen Ort, an dem es stattfindet, inspirieren lassen. Ob er sich nachher bei der Trinkhallen Schickeria einkleidet oder bei A-Musik Platten kauft, vorher mit der Hug Me, Heimlich-Ausstellung den Barnum-Effekt unter die Lupe nimmt oder sich an dem noch zu bestätigenden Filmprogramm labt. Oder, oder, oder. Er wird zwar den Popcornduft in den Räumlichkeiten anders als mancher nostalgische Kölner kaum vermissen, dürfte aber feststellen: »Week-End« bietet in allen Belangen großes Kino – im Rahmen des vierwöchigen Theaterfestivals »Gobalize:Cologne«. Wer hätte gedacht, dass Köln noch so viel Blut in sich hat.

http://www.weekendfest.de/
http://www.facebook.com/weekendfest
http://www.facebook.com/event.php?eid=228620273865315

WEEK END – A different Festival for Music, Film & Arts. 02—04 Dezember 2011

Thurston Moore
James Pants
Family Fodder
Jochen Distelmeyer
Francoiz Breut
Gary War
Buke and Gass
R. Stevie Moore
High Places
Roedelius/Schneider
Jaqcues Palminger
Optimo Twitch & Wilkes
Michael Mayer

9. Mai 2011 von Philipp Jedicke

Kurt Vile

Köln, King Georg, 08.05.2011

Foto: Philipp Jedicke

Ein Sonntagabend in Köln, nach dem bisher heißesten Tag des Jahres. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Gig. Aber der exzellente Ruf von Kurt Vile und seinen Violators lockt dann doch so viele Neugierige aus den Parks und von den Plätzen ins King Georg, dass man getrost von ausverkauft sprechen kann. Und schnell stellt sich heraus, dass die Entscheidung gegen das nächste Kioskbier und für den Mann aus Philly die richtige war: Vier sympathisch-verpeilte Zottel zelebrieren hier einen Tanz um den Totempfahl Rock, als wären Neil Young und Crazy Horse in sie gefahren. Drei Gitarren, kein Bass, aber ein Drummer, der sein Instrument mit Rassel, Händen, Paukenschlägel und Sticks bearbeitet, als wäre es sein letzter Auftritt vor dem Ritt in die ewigen Jagdgründe.  Leider ist Viles Stimme im ersten Teil des Sets oft nur zu erahnen, doch das wabernde, stets nahtlos in sich greifende Spiel von ihm und seinen beiden Lead-Gitarristen wiegt die Lücken im Gesang auf.

Im Universum des Kurt Vile fehlen ohnehin die großen Hits, seine Songs leben von starken Momenten: Wenn sich die drei Gitarren gegenseitig hochschrauben, bis Jesse Trbovich in einem Wall of Sound seine Mähne schüttelt, oder Vile bei der Akustik-Ballade „Peeping Tomboy“ immer wieder die kurze Pause wirken lässt, bevor er erneut mit seinem filigranen Lick einsetzt, dann braucht es keine Faust in der Luft. Dann nickt die kreisrund versammelte Gemeinde im Takt, mit einem Lächeln im Gesicht. Entsprechend wird auf Showeinlagen verzichtet, Vile versteckt sich lieber hinter seiner Haarwand und lässt bis auf ein bübisches Grinsen und ein wiederholtes „You are beautiful! Both physically and spiritually!“ die Musik sprechen. Was hier stattfindet, ist die gelungene Kombination aus Cinemascope-Rock und Lo-Fi. Der perfekte Sound für den Sonntagabend eben.

10. März 2011 von Philip Fassing

Hype WIlliams

Während sich die mediale Präsenz des enigmatischen LoFi-Projekts Hype Williams hierzulande noch deutlich in Grenzen hält, wurden die beiden Wahlberliner aus London in ihrer Heimat bereits vom Guardian und Wire in den höchsten Tönen gelobt. Am 15. März erscheint das dritte Album “One Nation”, auf dem das rätselhafte Duo weiter an seinen obskuren Synth-Teppichen webt, die nicht selten an die Soundtracks verstaubter Troma-VHS-Kassetten erinnern. Laut dem Fact Magazine findet der einzige Deutschland-Termin am 8. April im Kölner King Georg statt. Be there…

Hype Williams – Businessline by nofearofpop.net

21. Februar 2011 von Philip Fassing

millionyoung

Als vor kurzem das Debüt-Album von MillionYoung alias Mike Diaz erschien, war die Enttäuschung vielerorts groß. Nach den großartigen EPs folgte eine eher durchschnittliche Aufwärmung von dem, was Künstler wie Washed Out oder Toro Y Moi bereits durchdekliniert hatten. Die von Yours Truly aufgezeichnete Live-Session lässt zumindest darauf hoffen, dass der geschmeidige Indie-Pop live und in Bandbesetzung überzeugen kann:

Yours Truly Presents: Millionyoung – “Easy Now” from Yours Truly on Vimeo.