5. Dezember 2011 von Philip Fassing

Ein ausrangierter Kino-Komplex, ein dreitägiges Konzert-Programm und jede Menge Filmklassiker. Innerhalb dieser Koordinaten ging am vergangenen Wochenende ein Festival über die Bühne, das in jeglicher Hinsicht »different« war – wie es schon der Untertitel der Veranstaltung andeutete.

2. – 4.12.2011, Köln, Alter Ufa-Filmpalast.

Ungewöhnlich war bereits der Austragungsort: Der 1931 erbaute, aber seit 2010 leerstehende UFA-Filmpalast am Kölner Hohenzollernring wusste mit seinem verblichenen Nachkriegs-Charme durchaus zu überzeugen. Das Filmhaus galt lange als Westdeutschlands größtes Kino und kann neben dem ausladenden Foyer mit 13 Sälen und bis zu 3000 Sitzplätzen aufwarten. Der Freitag Abend begann ganz im Zeichen der experimentellen Agenda und wurde von dem wahnwitzigen New Yorker Shitgaze-Popper Gary War im Foyer eröffnet. Die nicht minder experimentierfreudigen High Places durften wenig später schon den großen Kinosaal einweihen und stellten ihr aktuelles Album »Original Colors« auf der Bühne vor. Die Wandlung vom schrägen Folk-Pop zu clublastigeren Entwürfen (siehe Feature vom Oktober) geht dem Duo aus L.A. auch live gut von der Hand, hätte aber zu späterer Stunde doch etwas besser gepasst.  Nach soliden Darbietungen von Jochen Distelmeyer, Roedelius/Schneider und Jaques Palminger mit dem Due Nutti Soundsystem konnte John Maus im Foyer einen würdigen Abschlussakzent für die Nacht setzen und gab dem Publikum nach langen Sitz-Partien endlich die Möglichkeit, sich noch einmal richtig auszutoben.

Wem die Stimmung am ersten Tag aufgrund der großzügigen Bestuhlung sonst noch etwas zu kontemplativ war, der könnte spätestens am zweiten Tag sehr dankbar für die Sitzgelegenheiten gewesen sein – konnte man so doch auf die bequemste Art und Weise die Wunden vom Vortag auskurieren. Aufstehen brauchte man bei dem hochkarätigen Programm des zweiten Tages ohnehin nicht. Nach dem fantastischen Art-Rock Duo Buke And Gass betraten Family Fodder zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder die Bühne und interpretierten mit wunderbar obskurem Instrumentarium Songs von Erik Satie und Franz Schubert neu. Wem das noch nicht schrullig genug war, der dürfte spätestens mit dem Lo-Fi- und Homerecording-Pionier R. Stevie Moore (Foto) bedient gewesen sein. Der exzentrische Songwriter lieferte eine höchst unterhaltsame Show ab, wälzte sich auf dem Boden, rupfte sich den halben Bart aus, trank viel Wein aus der Flasche und trug dabei die wohl coolste Hose der Welt. Nach viel Gelächter verabschiedete sich Moore mit dem Stinkefinger und schallenden »Swag!!«-Rufen. Großartig. Für das visuelle Highlight sorgten wenig später The Stepkids, die nicht nur selbst komplett in weiß gekleidet waren, sondern auch Schlagzeug, Verstärkertürme und anderes Equipment in Bettlaken hüllten, um als Projektionsfläche einer wahnwitzigen Visual-Performance zu dienen. So wurden zu dem psychedelischen R’n’B-Rock abstrakte Muster, mäandernde Formen und weite Sternenhimmel auf Musiker und Bühne geworfen, die den Saal in eine höchst surreale Atmosphäre tauchten. Spätestens jetzt hielt die Zuschauer auch nicht mehr viel auf den Sitzen.

Nachdem der Sonntag Nachmittag mit großartigen Filmen wie »Zwei Glorreiche Halunken« oder »The Wizard Of Oz« verbracht werden durfte, stand mit Thurston Moore und Band noch einer der heißerwarteten Headliner des Festivals auf dem Programm. Wer in Anbetracht der aktuellen Platte »Demolished Thoughts« einen entspannten Ausklang des Wochenendes erwartete wurde glücklicherweise enttäuscht. Thurston Moore wird wohl immer der schelmenhafte Jungspund bleiben und hat auch nach über zwanzig Jahren noch sichtbar Spaß an minutenlangen Feedback-Orgien und äußerst kreativem Umgang mit der Gitarre. Die orchestrale Instrumentierung der neuen Songs wurde in der Live-Situation zwar etwas von den elektrisch verstärkten Akustik-Gitarren geschluckt, konnte aber dennoch in den richtigen Momenten für Nachdruck sorgen. Zum Schluss gab es gleich zweimal Standing Ovations. Für einen großartigen Auftritt – und für ein perfektes Festival.

Mitveranstalter Jörg Waschat gab zwar kurz zuvor noch zu Protokoll, sich nach den arbeitsreichen Vorbereitungen der letzten Wochen wie der (ungeölte) Zinnmann aus »The Wizard Of Oz« zu fühlen – dürfte schließlich aber mindestens so erleichtert gewesen sein wie Dorothy Gale nach dem Ableben der bösen Hexe des Westen.

WEEK-END FEST 2011 Trailer from WEEK-END on Vimeo.

20. Oktober 2011 von Wolfgang Froemberg

Week-End

Besser kann man seine Leidenschaft nicht auf den Punkt bringen: Von Fans für Fans sei das Festival gemacht, verspricht der kurze Ankündigungstext auf der Homepage des Kölner »Week-End«. Im Gebäude des ehemaligen Ufa-Palasts, später Filmpalast, 1931 als Prestigeprojekt vom Architekten Wilhelm Riphahn erbaut und inzwischen wie so einige andere Kölner Lichtspielstätten mit glorreicher Vergangenheit leerstehend, wird am ersten Dezember-Wochenende 2011 tatsächlich ein Programm geboten, das selbst denjenigen, die in den letzten Jahren nichts von den Entwicklungen in den Mikrokosmen des Kölner (Pop-)Kulturbetriebs mitbekommen haben, auf den ersten Blick sowohl die Kuratorenhand sichtbar macht, als auch den eng miteinander verwobenen Kontext, von dem das hoch ambitionierte Line-Up aufgefangen wird, wie der Seiltänzer von dem unter ihm aufgespannten Netz.[ad]Allein auf den Zustand der Location muss man gespannt sein, barg der verzweigte und verschachtelte »Palast« doch zeitweise mehr als zehn, wenn auch teils sehr kleine Kinosäle – und verfügte außerdem über ein imposant großes Foyer. Es muss vom 02. – 04. Dezember auch einiges untergebracht werden: Allein für den Freitag sind bislang sechs Band-Konzerte, ein Soundsystem und ein DJ angekündigt. Das einheimische Publikum wird nicht überrascht sein, dass hinter dem vorzüglichen Booking der umtriebige Jan Lankisch steckt, der auch die Klubbar King Georg in den letzten Jahren mit Hätz un Schnüss zu einem Ort gemacht hat, an dem FreundInnen von frühestem DIY, schrägstem Postpunk, low-fiigster Elektronik und newester Wave im Wochentakt Feste feiern dürfen. In diesem Sinne:

John Maus, der ein wenig so klingt wie Julian Cope in seiner düstersten Synthiephase, die sympathisch-sphärischen High Lamas aus L.A, und der an Devo der Mittsiebziger erinnernde Gary War aus Brooklyn treffen am Auftaktabend auf die wahlkölner DJ-Ikone Michael Mayer sowie die Hamburg-Connection mit Jacques Palmingers Due Nutti Soundsystem und dem einzig wahren Jochen Distelmeyer, der offensichtlich nicht müde wird, alte Blumfeld-Songs mit den Stücken seines ersten Solo-Albums zu einem erbaulichen Set zu verquicken. Womöglich präsentiert er an diesem »Week-End« ja aber auch die ein oder andere Neuigkeit im Repertoire. Man darf gespannt sein.

Am Samstag geht es weiter mit der semi-legendären Family Fodder, die bereits 1979 im schönen Umfeld solcher Acts wie Blondie und The Slits gegründet wurde und ihren ersten Live-Auftritt nach zwanzig Jahren Bühnenabstinenz absolvieren wird. Dazu gesellt sich der inzwischen über-legendäre R. Stevie Moore, in dessen Fall es sich noch um Understatement handelte, würde er sich selbst als Gott der DIY-Szene bezeichnen. Natürlich tut der beinahe Sechzigjährige mit ungefähr 400 Alben auf dem Buckel so was nicht – er lässt lieber seine Songs für sich sprechen, und zwar kein bisschen leise. Das Brooklyner Duo Buke and Gass, ebenfalls auf den Samstag gebucht, begnügt sich nicht mit einem unverwechselbaren Sound jenseits aller Art-, Prog- und Punk-Rock-Klischess. Es stellt auch ein ganz eigenes Instrument vor – die Bariton-Ukulele, kurz »Buke«. Für Französisch-Nachhilfe sorgt die bezaubernd-schnoddrige Francoisz Breut, James Pants und die Schotten Optimo bestreiten den Abend für die Tanzbeine.

Da erscheint es fast als Randnotiz, dass am Sonntag mit Thurston Moore ein Held des Alternative Rock seine Aufwartung macht, der sich das Credo »Von Fans für Fans« ebenfalls mal hinter die Ohren geschrieben hatte, damals, als es mit Sonic Youth losging. Der ewig junge Mann ist ja nun auch schon über Fuffzig und hat drei Soloalben abgeliefert, wird sich aber bestimmt vom vielfältigen Schaffen im Rahmen des »Week-End« und dem geschichtsträchtigen Ort, an dem es stattfindet, inspirieren lassen. Ob er sich nachher bei der Trinkhallen Schickeria einkleidet oder bei A-Musik Platten kauft, vorher mit der Hug Me, Heimlich-Ausstellung den Barnum-Effekt unter die Lupe nimmt oder sich an dem noch zu bestätigenden Filmprogramm labt. Oder, oder, oder. Er wird zwar den Popcornduft in den Räumlichkeiten anders als mancher nostalgische Kölner kaum vermissen, dürfte aber feststellen: »Week-End« bietet in allen Belangen großes Kino – im Rahmen des vierwöchigen Theaterfestivals »Gobalize:Cologne«. Wer hätte gedacht, dass Köln noch so viel Blut in sich hat.

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WEEK END – A different Festival for Music, Film & Arts. 02—04 Dezember 2011

Thurston Moore
James Pants
Family Fodder
Jochen Distelmeyer
Francoiz Breut
Gary War
Buke and Gass
R. Stevie Moore
High Places
Roedelius/Schneider
Jaqcues Palminger
Optimo Twitch & Wilkes
Michael Mayer