2. März 2012 von Sebastian Witte

Joasihno kombinieren Melodien aus dem Reich unter der Bettdecke mit vertrackten Rhythmus-Figuren. 2011 erschien das Debütalbum »We Say: Oh Well«. Live wächst das Solo-Projekt des gelernten Schlagzeugers Cico Beck zum Duo an. Am Rande einer Support-Tour für Youth Lagoon sprach Sebastian Witte mit der Band.

Ihr seid zuletzt mit The Notwist auf Tour gewesen. Waren die Weilheimer für eure Musik schon vor der Tour ein Einfluss?
Cico: Vorher hab ich die nie gehört. Im Nachhinein bin ich aber sehr angetan von denen. Live sind sie echt der Knaller. Außerdem finde ich diese unaufgeregte Art, wie sie an Musik herangehen, toll. Denen geht es echt nur um die Musik und nicht um das Drumherum.
Nico: Ich war schon vorher Notwist-Fan und bin auch als Fan mitgefahren.

Euer Sound gleicht The Notwist manchmal schon ein wenig. Sind dir im Nachhinein Parallelen aufgefallen, Cico?
Cico: Gerade der Song »This Room« ist in seiner Expressivität sehr gut und zu vergleichen mit einem Joasihno-Stück wie »Secret Eye«. Prinzipiell haben wir Lust, mehr davon zu machen, was in so eine Richtung geht.

Ein großer Einfluss auf Joasihno ist eine Reise nach Afrika, die du gemacht hast.
Cico: Ja, ich mag seitdem diese afrikanischen Rhythmen. Da ist ja z.B. ein 5/4-Takt keine Seltenheit. Solche Sachen hört man auch oft bei Joasihno und ich verstehe immer mehr, wie diese Rhythmen funktionieren. Außerdem mag ich afrikanische Popmusik, die ja teilweise sehr ungewöhnlich klingt in unseren westlichen Ohren. Ich habe für die Platte außerdem ein paar afrikanische Trommeln benutzt, die ich von dort mitgebracht habe. Gerade spiele ich viel Tabla. Ich fahre bald nach Indien und hab mir schon vorgenommen, da einen Tabla-Kurs mitzumachen. Vielleicht ist das was für das nächste Album.

Cico, du hast das Projekt Joasihno allein gestartet und auch das Debütalbum allein aufgenommen. Jetzt spielst du schon seit 1 ½ Jahre zusammen mit Schlagzeuger Nico. Seht ihr euch jetzt als Band?
Cico: Ja schon. Ich möchte auch ein bisschen weg kommen davon, alles loopen zu wollen, was ich ja alleine mache bzw. gemacht habe. Obwohl ich dieses repetitive Element auch sehr mag. Ich hab aber schon das Gefühl, dass wir zu zweit gut zusammen spielen und eine Band sind.
Nico: Ich spiele auf dem Schlagzeug ja auch nicht eins zu eins Cicos programmierte Beats nach. Wir haben uns da zu zweit schon neue Sachen ausgedacht, die so nicht auf dem Album zu hören sind.

Wie waren denn überhaupt die Reaktionen nach dem Erscheinen deines Debütalbums?
Cico: Ich bin schon zufrieden mit den Reaktionen. Habe nicht viel erwartet im Voraus. Live kommen ja eh meistens die Leute nach dem Konzert, denen es auch gefallen hat. Von der Presse gab’s auch viel positives Feedback. Es gab nur einen Verriss.

Von wem?
Cico:  Die Vice mochte den Albumtitel nicht und die meinten, das wäre Jammermusik, die sich unter der Bettdecke versteckt. Das hat mich jetzt nicht so getroffen. Hätte es nur besser gefunden, wenn mir das so jemand wirklich ins Gesicht sagen kann. Dann hätte ich gern mit ihm drüber gesprochen und vielleicht auch ein paar Sachen erklären können.

Habt ihr schon angefangen, Lieder für ein zweites Album zu schreiben?
Cico: Ja, wir spielen einen neuen Song auch schon live. Wir möchten das neue Album live erarbeiten und testen. Außerdem habe ich mir viel Musik besorgt die ich grade höre. Z.B.  Moondog, Dustin Wong von Ponytail und Youth Lagoon, mit denen wir ein paar Konzerte spielen.
Nico: Die Youth Lagoon-Platte habe ich auch schon rauf und runter gehört. Bin gespannt auf die beiden. Sie spielen heute Abend ihr erstes Deutschland-Konzert.

joasihno by joasihno

7. Februar 2012 von Philip Fassing

Johnny Jewel

Einst als Tochter des Noise-Labels Troubleman Unlimited ins Leben gerufen, hat sich das Imprint Italians Do It Better als eigenständige Institution für Dance-Pop mit analogem Sound emanzipiert. Mitbetreiber Johnny Jewel ist für drei zentrale Acts des Labels verantwortlich: Glass Candy, Chromatics und Desire. Mit »Themes For An Imaginary Film« ist nun sein erster Soundtrack erschienen.

Johnny Jewel ist etwas geknickt, als ich ihn gegen 14:00 Uhr amerikanischer Ostküsten-Zeit auf dem Mobiltelefon erreiche. Nach einer langen Nacht in seinem Montrealer Studio wollte der Workaholic eigentlich schon längst wieder in ebenjenem sitzen, doch die analoge Technik hat ihm mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht: Mit einem Ersatzteil für sein Equipment im Gepäck kurvt er nun durch Québec. »Ich habe bis in die frühen Morgenstunden am zweiten Teil unserer Label-Compilation ›After Dark‹ gearbeitet«, entschuldigt sich der hörbar übernächtigte Produzent, Designer und Labelbetreiber für die schwere Erreichbarkeit. Nun warte Ida No bereits im Studio, um die Arbeiten für das neue Glass-Candy-Album abzuschließen. Seit Jewel vor drei Jahren von Portland nach Montreal gezogen ist, erfordern seine zahlreichen Projekte deutlich mehr Logistik als zuvor. Heimweh verspürt er erstaunlicherweise weniger nach Portland als vielmehr nach Texas: »Ich bin in Texas aufgewachsen und mag die Gegend wirklich sehr. Aber ich könnte dort nicht mehr leben, das wäre emotional sehr schwierig für mich. Eigentlich fühle ich mich heimatlos. Von daher ist es auch relativ egal, wo ich lebe«, gesteht er etwas melancholisch.[ad]Dennoch weiß der Multiinstrumentalist die kulturellen Vorzüge von Kanadas zweitgrößter Stadt zu schätzen: Die Szene ist eng vernetzt und stützt sich. Die Produktivität der hektischen Arbeiterstadt Portland hat sich Jewel ohnehin aufrechterhalten – auch im vergleichsweise gelassenen Montreal.

So veröffentlichte er im Januar fast schon beiläufig ein zweistündiges Instrumental-Album mit dem Titel »Themes For An Imaginary Film«. Die zusammen mit dem Label-Kollegen Nat Walker aufgenommene Musik war teilweise für Nicolas Winding Refns aktuellen Film »Drive« vorgesehen gewesen, nachdem aber ein Großteil der Stücke auf Druck der Produzenten wieder aus dem Film geflogen war, beschloss Jewel kurzerhand, das Ganze in selektierter und bearbeiteter Form auf digitalem Wege zu veröffentlichen. »Als die visuelle Ebene wegfiel, war es wichtig, die Stücke farbiger und präsenter zu gestalten«, erläutert er das Umdisponieren und ergänzt: »Während meine sonstigen Projekte sehr poplastig und auf den Gesang ausgerichtet sind, erlaubte mir Symmetry erstmals, strukturelle Konventionen aufzubrechen und einen musikalischen Leerraum zu erkunden.« Dieses Vakuum füllte der Analog-Fetischist mit einem atmosphärisch pulsierenden Klangstrom, der zu gleichen Teilen Einflüsse aus John Carpenters virtuosen Synthesizer-Scores und aus der beunruhigenden Stimmung klassischer Giallo-Filme zieht. Als Symmetry kreieren Jewel und Walker fiebrig aufgeheizt klingende Synthesizer-Collagen, die sich am besten dort entfalten, wo sie entstanden sind: in den späten, aber rastlosen Stunden durchgearbeiteter Nächte.

SYMMETRY / THEMES FOR AN IMAGINARY FILM by JOHNNY JEWEL

4. Januar 2012 von Philip Fassing

CTM 12: Spectral

Am 30. Januar findet in Berlin die zwölfte Ausgabe des CTM-Festivals statt. Wir sprachen mit Festival-Mitbegründer und Kurator Jan Rohlf über das Leitmotiv »Spectral«, ästhetische Strategien zur Überwindung einer plumpen Retromanie und der anhaltenden Tendenz zum Düsteren und Geisterhaften in der Pop-Musik.

Jan, was hat euch dieses Jahr dazu bewegt, unter dem Leitmotiv »Spectral« Mikroströmungen wie Hauntology, Witch-House oder Drone-Music abzubilden?
Die Thematik ist natürlich nicht neu, aber in den letzten Jahren wurden diese Strömungen doch sehr virulent. Wir hatten das Gefühl, dass die unterschiedlichen Ausprägungen dieser kleinen Bewegungen letztlich in vielen Bereichen spürbar wurden und einen gewissen Zeitgeist reflektieren. Wenn man sich die unterschiedlichen Musik-Stile anschaut, fällt schnell auf, dass überall ähnliche Strategien angewendet werden. Verlangsamung, Verdunklung, Verrauschung. Eine Art Formensuche im Sinne eines psychedelischen Effekts, bei der es aber auch immer den Rückgriff auf Bekanntes und Vergangenes gibt. Es findet eine Überlagerung verschiedener Zeitebenen statt. Das lineare Modell von musikalischem Fortschritt im Sinne von »Wir machen was Neues« wurde mittlerweile komplett hinter sich gelassen. Der Ausgangspunkt war also zu schauen, was hier eine übergeordnete Klammer sein könnte. Es geht dabei allerdings weniger darum singuläre Phänomene wie Hypnagogic-Pop oder Hauntology zu präsentieren. Das sind ja nur unterschiedliche Blickwinkel auf ähnliche Phänomene. Uns geht es eher darum das in einem größeren Zusammenhang zu betrachten und zu schauen, was diese Tendenzen eigentlich aussagen. Dafür setzen wir das Thema im Diskursprogramm auch zu größeren gesellschaftlichen Fragestellungen in Beziehung.

Wie darf sich das der Besucher vorstellen?
Der Nukleus der Sache ist eigentlich dieser vorherrschende Zustand, eine Art posttraumatische Euphorie. Das Trauma ist in diesem Fall eben das große »Nichts geht mehr«. Wir stecken quasi in dieser postmodernen Sackgasse fest, in der wir alle Archive geöffnet haben und in der das gesamte musikalische Schaffen der letzten 50 Jahre und darüber hinaus präsent ist. Wir werden ständig von einer Lawine des bereits Gemachten bedrängt. Zukunftsentwürfe oder Auswege sucht man dabei vergebens. Dazu befinden wir uns noch in einer permanenten Krisensituation, siehe Wirtschaftskrise, Terrorismus-Paranoia etc. Utopien existieren in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht mehr und das ist ja doch alles eine ziemliche Zumutung. Jede neue Generation die kommt, fragt sich letztendlich, was man überhaupt noch machen soll. Daraus ergibt sich eben die Frage, wie man mit dieser Situation umgehen soll. Verschiedene Stile wie Hypnagogic oder die Renaissance der Drone-Music sind Reaktionen auf dieses Unbehagen.

Wie können solche Randphänomene ein Ausweg aus der generellen Vergangenheitsbezogenheit der Pop-Musik sein?
Viele Künstler praktizieren eine Art des kruden, wilden Rumbastelns mit dem, was einem an Material zur Verfügung steht. Die Hoffnung dabei ist irgendwo eine Lücke oder eine Öffnung zu finden, durch die man in etwas anderes kommt. Wobei natürlich niemand weiß, was das sein könnte. Das ist aber eben die Figur, die man überall findet. Ob man sich jetzt wie bei der Hauntology-Strömung mit englischer Folklore aus dem England der 60er/70er beschäftigt und sozusagen die sozialdemokratische Utopie dieser Zeit noch einmal aufleben lässt oder ob man wie beim Hypnagogic-Pop seine Achtzigerjahre-Kindheit und die einströmenden Consumer-Eindrücke aus dieser Zeit weiter verarbeitet. Es sind letztendlich nur unterschiedliche Ausdrucksformen des Gleichen, dem, was wir betrachten wollen.

Also ist es die konsequente, forschende Haltung, die letztlich alle Künstler dieser unterschiedlichen Mikro-Strömungen eint?
Ja, man kann heute eigentlich keine klare Strategie mehr haben, was jetzt zu tun sein könnte. Alle konstruktiven Ansätze oder Strategien werden sofort wieder von der kapitalistischen Verwertungslogik vereinnahmt und in dessen Prozesse integriert. Man sieht das ja auch an den letzten zehn Jahren, da ist einfach wenig passiert. Daher ist die spannende Überlegung eben die, was passiert, wenn man eben mal keinen so konkreten Vorschlag macht und versucht, bewusst alles etwas ambivalenter zu lassen. Was passiert, wenn ich meine Entwürfe vernebele und verrausche, mich als künstlerisches Subjekt aus der Musik zurückziehe und das Ganze eher unbewusst laufen lasse, mich selbst also auch von diesen Strömen aus Archivmaterial und Artefakten mitziehen lasse.

Was ja eigentlich nur wieder der Rückschluss auf den Begriff der Hypnagogie ist.
Genau. Es geht ja darum, sich auf diese Wahrnehmung einzulassen und sich auf diese Art und Weise ein Stück weit in der Vergangenheit und den Materialströmen zu verlieren. Wenn man bereit ist das Risiko einzugehen, lässt sich die eigene Identität ein Stück weit auflösen, wodurch wiederum etwas Neues, Unerwartetes passieren kann. Gewisse Konventionen, wie die eher negative Konnotation von ästhetischen Ansätzen wie Aggression, Depression, Idiosynkrasie, können sich umkehren und neue, positive Ansätze hervorbringen.

Die vermeintliche, ästhetische Sackgasse scheint den Blick in letzter Zeit verstärkt auf die Nischen gelenkt haben, das Interesse an eigentlich recht kleinen, obskuren D.I.Y-Labels wie Not Not Fun oder Hippos In Tanks ist plötzlich sehr groß. Profitiert ihr davon als Festival, das schon immer diese Nischen abgebildet hat?
Ich habe schon das Gefühl, dass das Interesse an den angesprochen Sachen und experimenteller Musik generell gewachsen ist, allein deswegen, weil es gar nicht mehr den klassischen Mainstream gibt, der diese Masse absorbiert, sondern einfach viel in diverse Mikro-Strömungen zersplittert. Die Leute sind auch insgesamt offener, sich mit vielen dieser Stränge zu beschäftigen. Allerdings ist es jetzt für uns nicht so signifikant, als dass das Festival jetzt jedes Jahr tausende von Besuchern mehr hätte oder die Resonanz plötzlich einen riesigen Sprung gemacht hätte. Natürlich ist die CTM in den Bereichen Publikum und Medienresonanz in den letzten Jahren ein wenig gewachsen. Es hängt wohl auch immer ein wenig davon ab, wie man die Dinge im Rahmen eines Festivals darstellt. Wir sind da relativ kompromisslos, wir würden komplexere Verstrickungen nie aus Bequemlichkeit wegfallen lassen. Das fängt bereits mit der Form der Kommunikation an. Wir wollen Sachverhalte nicht vereinfachen, sondern die Komplexität die wir vorfinden auch diskutieren. In dem Zusammenhang folgen uns dann doch nur bestimmte Leute. Man könnte solche kruden, experimentellen Dinge natürlich auch in einem, eventmäßigeren, konsumistischeren Zusammenhang bringen, das würde wahrscheinlich prächtig funktionieren, aber das ist nicht unser anliegen.

Also den Diskurs drum herum einfach wegfallen lassen?
Genau, oder das Programm einfach gar nicht erst inhaltlich abstimmen, sondern einfach eine Art »Hype-Hopping« machen und gar nicht erst die Frage stellen, ob sich diese Dinge untereinander etwas zu sagen haben.

Geht ihr denn an die Planung des Festivals eher aus einer Fan-Perspektive oder ist das eher ein theoretisch aufgeladener Prozess?
Zunächst sind wir immer erst mal Fans. Wir machen immer das, was uns selbst beschäftigt und interessiert. Demnach buchen wir natürlich auch viele Künstler, die wir auch persönlich schätzen. Aber aus dieser Fan-Perspektive ergibt sich zwangsläufig die Frage, warum man sich nun gerade von dieser oder jener Art von Musik überhaupt erst angesprochen fühlt. Und darauf versucht man eine Antwort zu formulieren, wovon sich wiederum ein Thema ableitet. Manche Sachen hört man eben nur, weil sie einen auf eine affektive oder körperliche Art und Weise mitnehmen, manchmal ist aber eben auch noch eine andere Ebene da. Das ist ja letztendlich das Tolle an Musik, man kann immer so oder so an sie heran. Und diese beiden Ebenen probieren wir natürlich auch immer in das Festival einzubringen. Du kannst zu unserem Festival kommen und einfach eine entspannte Zeit haben, abschalten und dir gute Konzerte angucken. Oder man geht eben auch in die Gesprächsprogramme und hat Lust, sich tiefergehend damit zu beschäftigen. Deswegen laden wir ja auch Redner ein, die nicht aus der Musik kommen. Dieses Jahr wird zum Beispiel der Philosoph und Autor des Buches »Die Müdigkeitsgesellschaft« zu Gast sein, der die These aufstellt, dass unsere Gesellschaft nicht an zu viel Negativität leidet, sondern an zu viel Positivität und dass sich eben daraus diese Ermüdungserscheinungen ergeben. Dieser vorherrschende Hyper-Kapitalismus fordert einen ja ständig dazu auf, an allem positiv zu partizipieren und sich ständig überall einzubringen.

Also wieder der Schulterschluss zur künstlerischen Praxis des Rückzugs als Reaktion auf die stetige Digitalisierung und die erdrückenden Archive?
Genau. Es geht darum, einfach auch mal gesamtgesellschaftlich zu fragen, ob es nicht angebracht wäre, nach irgendwelchen Möglichkeiten des Innehaltens zu suchen, um die eigene Position bestimmen zu können, anstatt dieser rastlosen Aufforderung des Mitmachens nachzukommen. Das ist der Motor dieser Erlebnis-Ökonomie, zu der Musik eben auch gehört. »Geh zum Konzert und hab Spaß. Gib Geld aus.» Und dann sollen die Erfahrungen wiederum in diese Maschinerie eingebracht werden, aus der letztlich andere ihre Gewinne ziehen. Hyper-Kapitalismus bedeutet ja eben auch, dass wir nicht mehr Produkte im Sinne von Gegenständen verwerten, sondern unsere Erlebnisse, unsere Affekte. Das heißt wir sind auf einer ganz anderen Ebene involviert und haben dadurch überhaupt keine Chance mehr zu differenzieren. Früher konnte man noch sagen »Das ist das Fließband, ich bin der entfremdete Arbeiter«. So einfach ist das heute nicht mehr. Solche Gedankenfiguren probieren wir dann auch mit einzubringen.

CTM.12 – Spectral
Festival for Adventurous Music and Related Visual Arts
30.01. – 05.02.2012, Berlin
www.ctm-fesival.de

Mit u.a. Grouper, James Ferraro , Oneohtrix Point Never, Balam Acab, Holy Other, Ital, Haxan Cloak, Tim Hecker, Ben Frost

2. Dezember 2011 von Philip Fassing

Minks

Während Sean Kilfoyle’s im letzten Jahr noch mit Songwriterin, It-Girl und Chanel-Model Amalie Bruun das großartige Minks-Debüt »By The Hedge« beim New Yorker Label Captured Tracks veröffentlichte, ist die Band nach Bruuns Ausstieg zum Soloprojekt geschrumpft. Nun steht für Februar die zweite Platte an. Wir sprachen mit Kilfoyle über das auslaufende Jahr und das kommende Album.

Was hat 2011 für dich für Erkenntnisse gebracht?
Ich habe dieses Jahr begonnen, mein Leben ernsthaft umzukrempeln. In den letzten Jahren war ich ziemlich orientierungslos und fragte mich häufig, ob das immer so bleiben würde. Im Moment probiere ich einfach viele neue Sachen aus und wage mich mehr und mehr auf unerschlossenes Terrain.

Was ist dein persönlicher Masterplan für 2012?
Ich würde gerne einfach mal schauen, wohin es mich treibt. Je mehr man plant, desto enttäuschter ist man am Ende. Das ist einfach nicht die Art und Weise, wie ich mein Leben führen möchte.

Als eure erste Single bei Captured Tracks veröffentlicht wurde, gab es Minks ja eigentlich noch gar nicht. Hat dich das vorauseilende Vertrauen von Label-Betreiber Mike Sniper motiviert, weiterzumachen?
Nein, ich würde nicht sagen, dass Mikes Zuspruch mit meiner eigenen Motivation zu tun hatte. Ich habe schon immer Musik gemacht und würde das auch ohne Label im Rücken weiter betreiben. Wenn man etwas aus Leidenschaft macht, hält einen auch fehlende Ermunterung nicht davon ab, sich weiter reinzuhängen.

Hat sich die Besetzung mittlerweile etwas gefestigt, oder wechseln deine Mitstreiter immer noch so häufig?

Es wird auf jeden Fall langsam stabiler. Amalie Bruun ist mittlerweile nicht mehr dabei, ansonsten versuche ich, weniger bestimmend beim Songwriting zu sein, wobei ich sehr neugierig bin, wohin das führen wird. Eigentlich liegt mir das Prinzip einer klassischen Band überhaupt nicht, aber ich mache einfach zu gerne Musik mit Freunden. Ich muss da eine Art Kompromiss finden.

Was können wir vom für Februar angekündigten Album erwarten?
Das neue Album wird sehr anders ausfallen als unser Debütalbum »By The Hedge«. Kein kompletter Richtungswechsel, aber um einiges optimistischer und ausbalancierter. Weniger vernebelt und mehr auf den Punkt gebracht. Ich bin in einer viel besseren mentalen Verfassung, und diese Klarsicht war eine große Quelle der Inspiration für mich.

Ist die Band mittlerweile ein 9-to-5-Job für dich, oder läuft das mehr als Hobby nebenher?

Wenn man auf Tour ist, ist die Band nicht nur ein üblicher 8-Stunden-Job, sondern läuft eher auf 24 Stunden hinaus. Man sitzt ständig irgendwo herum und muss auf dieses und jenes warten: Soundcheck, Auftritt, Equipment verladen. Man ist sozusagen in dieser Langeweile gefangen; und wenn dann noch eine Bar in Reichweite ist, weiß man auch, warum Musiker nicht gerade der gesündeste Job ist.

Das Interview ist ursprünglich in Intro #198 Dezember/Januar erschienen.

Minks – “Funeral Song” from LANCE DRAKE on Vimeo.

Minks – Araby by ginobc

29. November 2011 von Philip Fassing

Datashock

Pascal Hector (Foto vorne) gehört mit seinem seit 2003 existierenden Label und Mailorder Meudiademorte nicht nur zu den treibenden Kräften der lokalen D.I.Y.-Szene, sondern wird vor allem für sein Psych/Drone-Kollektiv Datashock auch weit über die hiesigen Grenzen hinaus geschätzt. Ihre aktuelle LP »Die Pyramiden von Gießen« brachte dem Kraut-Ensemble einmal mehr Lobeshymnen in Publikationen wie der Testcard oder dem britischen Wire Magazin ein. Auf Meudiademorte hat Hector unter anderem Platten, CD-Rs und vor allem Kassetten von Künstlern wie Thurston Moore, Sunburned Hand Of The Man, The Skull Defekts oder John Wiese veröfffentlich. Die Gestaltung der Tonträger erfolgt meist in liebevoller Handarbeit, bei der der Chef auch schon mal selbst Hand anlegt.

Wie viele Platten-Cover hast du für Meudiademorte selbst gestaltet?
Nach kurzem überfliegen der Diskografie sind es wohl so drei Viertel der Veröffentlichungen.

Kreierst du deine eigenen Artworks zu Veröffentlichungen jedes Mal neu, oder greifst du dabei auch auf ältere Arbeiten von dir zurück, wenn sie zur Musik passen?
Nein, jedes Cover wurde ausschließlich für die jeweilige Veröffentlichung angefertigt.

Wenn du eine neue Grafik/Zeichnung zu einer anstehenden Veröffentlichung anfertigst, wie gehst du dabei vor?
Ganz einfach: Ich höre mir die Platte an und lege mir dabei ein Konzept oder eine Idee zurecht. Dann wäge ich ab, ob das für mich umsetzbar ist oder ob ich die Arbeit lieber in Auftrag gebe. Oft setzt sich schon nach nur einmaligem Hören ein Bild im Kopf fest, wie das Artwork dazu auszusehen hat.

Wenn du das Artwork nicht selbst gestaltest, nach welchen Kriterien wählst du die Motive aus?
Ich höre mir die Aufnahmen erst mal an und überlege dabei, welche Art von Cover dazu passen könnte. Wenn ich merke, dass meine Vorstellung nicht selbst umsetzbar ist, wende ich mich zum Beispiel an Thomas Weirich und probiere ihm zu veranschaulichen, was mir vorschwebt. Das hat bisher eigentlich immer ziemlich gut funktioniert. Manchmal kommen auch die Bands selbst mit Cover-Entwürfen an, die wirklich hervorragend gepasst haben und dann eben auch verwendet wurden. Es kam allerdings auch schon mal vor, dass ich solche Vorschläge abgelehnt habe und es deswegen gar nicht erst zu einer Veröffentlichung kam. Andere Labels lehnen Bands wohl eher wegen ihren Aufnahmen ab, das ist bei mir aber noch nie vorgekommen… haha.

Was sind deine Lieblingsartworks aus dem Meudiademorte-Katalog?
Mir gefallen prinzipiell die Arbeiten besser, an denen ich nicht beteiligt war. Die Cover von Thomas Weirich sind immer gut, z.b die siebgedruckte Datashock/Aidan Baker/Leah Buckareff-LP oder das Steve Gunn-Cover von Wouter Vanhaelemeesch. Von den Sachen an denen ich beteiligt war, gefällt mir eigentlich die »Storm Skull Dub« von The Skull Defekts am besten…

Graveyards – Psalm Alarm (mddm18)
Shivers – Off (mddm15)
Davenport Family – At The Foot Of Zodiac Mountain (mddm22)
Cones – Use Your Illusion III (mddm39)


Datashock & Wether – “Untitled” Split (mddm19)
Mêlée – Violent Forms Of Laughter Pt. 1 (mddm30)
Shivers – Apple-Guru Where Are You? (mddm21)
Thurston Moore – Black Weeds / White Death (mddm26)

Datashock – Pyramiden von Gießen 2LP (Dekorder) 2011 by meudiademorte

11. Oktober 2011 von Philip Fassing

High Places

Umzüge sind eine lästige Angelegenheit. Die Arbeit bleibt liegen, das Konto wird strapaziert und auch um die bürokratischen Begleiterscheinungen kommt man nicht herum. Hat man dann für den Standortwechsel auch noch eine Strecke von fast 3000 Meilen zurück zu legen und ein komplettes Studio im Gepäck, nimmt das Ganze gleich eine ganz andere Dimension an. So muss es auch für das experimentelle Folk-Duo High Places gewesen sein, hinter dem Rob Barber und Mary Pearson stecken. Vor etwa zwei Jahren packten die beiden ihre Sachen und kehrten der US-Amerikanischen Ostküste den Rücken zu, um im sonnigen Kalifornien ein neues Zuhause zu finden. Vom New Yorker Bohème-Viertel Brooklyn sollte es einmal quer durch die Vereinigten Staaten nach Los Angeles gehen. »Der Grund für unseren Umzug war schlichtweg das menschliche Grundbedürfnis nach einem sonnigen Plätzchen«, erklärt Rob Barber im E-Mail-Wechsel und fügt hinzu: »Ich habe fast mein ganzes Leben in New York verbracht und brauchte einfach mal einen Tapetenwechsel.«

Mittlerweile gut eingelebt, steht nun das dritte Album des Duos auf Thrill Jockey an und bildet den persönlichen wie musikalischen Drang zur Veränderung ziemlich exakt ab. Das organische und improvisatorische Moment der frühen Veröffentlichungen ist mittlerweile fast gänzlich verschwunden und immer klarer werdenden Bezügen zur britischen Club-Kultur und der dazugehörigen Musik gewichen: 2-Step, Garage, Dubstep. Dieser Weg überrascht insofern, dass man das Duo vor allem aus dem klassischen DIY-Kontext der US-amerikanischen Noise- und Punk-Szene kennt – und eben nicht aus einem Umfeld wie Süd-London, wo gebrochene Rhythmen und tieffrequente Bässe quasi mit der Muttermilch aufgesogen werden. Aus dieser eigenwilligen Perspektive gelingt es den beiden, das britische Bass-Kontinuum um verblüffend neue Facetten zu ergänzen, denen auch ein ohnehin polarisierender Terminus wie Post-Dubstep nicht mehr gerecht wird.

Für Rob scheinen beide Welten ohnehin gar nicht so weit auseinander zu liegen: »In den Achtzigern gab es in New York deutliche Überschneidungen zwischen der Techno- und Hardcore-Szene, weswegen ich eben auch früh mit Club-Musik in Berührung kam. Heutzutage sind wir vielleicht nicht die typischen Raver, aber von Zeit zu Zeit packt es uns doch noch mal und wir gehen tanzen.« Gerade diese Distanz zum extrem schnelllebigen Elektronik-Betrieb schlägt sich auch auf »Original Colors« nieder. Denn ähnlich wie das britische 2-Step-Enigma Burial, der ein wesentlicher Einfluss für beide war, bilden High Places vielmehr den Nachhall einer exzessiven Clubnacht ab, die trübe Erinnerung an stampfende Bässe und pulsierende Synthesizer. »Die letzten fünf Jahre waren in musikalischer Hinsicht wirklich eine Explosion. Burial hat einfach so viele Leute komplett umgehauen und ein ganz neues Ding losgetreten, das so viel melodischer als alles zuvor war“, schwärmt Rob.

Doch nicht nur die düsteren UK-Garage-Skizzen des lange gesichtslos gebliebenen Puristen beeindruckten beide gleichermaßen. Auch Namen wie Modeselektor, The Bug oder Blawan fallen. Die Inspiration beschränkt sich bei beiden aber lange nicht nur auf die Bass-Musik der britischen Prägung. Besonders auf textlicher Ebene spielt ein ganz anderer Faktor die Hauptrolle: Das ausgiebige Reisen. Eine große Passion der beiden, die Mary auf lyrischer Ebene besonders zu spielt und allerlei Natur-Metaphern mit sich bringt. »Die Texte auf Original Colours sind sehr von unseren Trips nach Australien und Mexiko beeinflusst. Angesichts dieser weitläufigen, offenen Wüstenlandschaften half es mir sehr, meine Texte auf den Punkt zu bringen.« Rastlosigkeit als Inspirations-Quelle. So lange dabei solch weit gedachte Elektronik-Entwürfe wie »Original Colours« heraus kommen, wünscht man sich, dass die beiden noch den ein oder anderen Umzug vor sich haben.

High Places »Original Colors« (Thrill Jockey / Rough Trade), VÖ: 04.11.2011

Tourdaten:

02.12.2011, Weekend-Festival, Köln
03.12.2011, HAU 2, Berlin
05.12.2011, B72, Wien
06.12.2011, Kranhalle, München