Am 30. Januar findet in Berlin die zwölfte Ausgabe des CTM-Festivals statt. Wir sprachen mit Festival-Mitbegründer und Kurator Jan Rohlf über das Leitmotiv »Spectral«, ästhetische Strategien zur Überwindung einer plumpen Retromanie und der anhaltenden Tendenz zum Düsteren und Geisterhaften in der Pop-Musik.
Jan, was hat euch dieses Jahr dazu bewegt, unter dem Leitmotiv »Spectral« Mikroströmungen wie Hauntology, Witch-House oder Drone-Music abzubilden?
Die Thematik ist natürlich nicht neu, aber in den letzten Jahren wurden diese Strömungen doch sehr virulent. Wir hatten das Gefühl, dass die unterschiedlichen Ausprägungen dieser kleinen Bewegungen letztlich in vielen Bereichen spürbar wurden und einen gewissen Zeitgeist reflektieren. Wenn man sich die unterschiedlichen Musik-Stile anschaut, fällt schnell auf, dass überall ähnliche Strategien angewendet werden. Verlangsamung, Verdunklung, Verrauschung. Eine Art Formensuche im Sinne eines psychedelischen Effekts, bei der es aber auch immer den Rückgriff auf Bekanntes und Vergangenes gibt. Es findet eine Überlagerung verschiedener Zeitebenen statt. Das lineare Modell von musikalischem Fortschritt im Sinne von »Wir machen was Neues« wurde mittlerweile komplett hinter sich gelassen. Der Ausgangspunkt war also zu schauen, was hier eine übergeordnete Klammer sein könnte. Es geht dabei allerdings weniger darum singuläre Phänomene wie Hypnagogic-Pop oder Hauntology zu präsentieren. Das sind ja nur unterschiedliche Blickwinkel auf ähnliche Phänomene. Uns geht es eher darum das in einem größeren Zusammenhang zu betrachten und zu schauen, was diese Tendenzen eigentlich aussagen. Dafür setzen wir das Thema im Diskursprogramm auch zu größeren gesellschaftlichen Fragestellungen in Beziehung.
Wie darf sich das der Besucher vorstellen?
Der Nukleus der Sache ist eigentlich dieser vorherrschende Zustand, eine Art posttraumatische Euphorie. Das Trauma ist in diesem Fall eben das große »Nichts geht mehr«. Wir stecken quasi in dieser postmodernen Sackgasse fest, in der wir alle Archive geöffnet haben und in der das gesamte musikalische Schaffen der letzten 50 Jahre und darüber hinaus präsent ist. Wir werden ständig von einer Lawine des bereits Gemachten bedrängt. Zukunftsentwürfe oder Auswege sucht man dabei vergebens. Dazu befinden wir uns noch in einer permanenten Krisensituation, siehe Wirtschaftskrise, Terrorismus-Paranoia etc. Utopien existieren in diesem Zusammenhang eigentlich gar nicht mehr und das ist ja doch alles eine ziemliche Zumutung. Jede neue Generation die kommt, fragt sich letztendlich, was man überhaupt noch machen soll. Daraus ergibt sich eben die Frage, wie man mit dieser Situation umgehen soll. Verschiedene Stile wie Hypnagogic oder die Renaissance der Drone-Music sind Reaktionen auf dieses Unbehagen.
Wie können solche Randphänomene ein Ausweg aus der generellen Vergangenheitsbezogenheit der Pop-Musik sein?
Viele Künstler praktizieren eine Art des kruden, wilden Rumbastelns mit dem, was einem an Material zur Verfügung steht. Die Hoffnung dabei ist irgendwo eine Lücke oder eine Öffnung zu finden, durch die man in etwas anderes kommt. Wobei natürlich niemand weiß, was das sein könnte. Das ist aber eben die Figur, die man überall findet. Ob man sich jetzt wie bei der Hauntology-Strömung mit englischer Folklore aus dem England der 60er/70er beschäftigt und sozusagen die sozialdemokratische Utopie dieser Zeit noch einmal aufleben lässt oder ob man wie beim Hypnagogic-Pop seine Achtzigerjahre-Kindheit und die einströmenden Consumer-Eindrücke aus dieser Zeit weiter verarbeitet. Es sind letztendlich nur unterschiedliche Ausdrucksformen des Gleichen, dem, was wir betrachten wollen.
Also ist es die konsequente, forschende Haltung, die letztlich alle Künstler dieser unterschiedlichen Mikro-Strömungen eint?
Ja, man kann heute eigentlich keine klare Strategie mehr haben, was jetzt zu tun sein könnte. Alle konstruktiven Ansätze oder Strategien werden sofort wieder von der kapitalistischen Verwertungslogik vereinnahmt und in dessen Prozesse integriert. Man sieht das ja auch an den letzten zehn Jahren, da ist einfach wenig passiert. Daher ist die spannende Überlegung eben die, was passiert, wenn man eben mal keinen so konkreten Vorschlag macht und versucht, bewusst alles etwas ambivalenter zu lassen. Was passiert, wenn ich meine Entwürfe vernebele und verrausche, mich als künstlerisches Subjekt aus der Musik zurückziehe und das Ganze eher unbewusst laufen lasse, mich selbst also auch von diesen Strömen aus Archivmaterial und Artefakten mitziehen lasse.
Was ja eigentlich nur wieder der Rückschluss auf den Begriff der Hypnagogie ist.
Genau. Es geht ja darum, sich auf diese Wahrnehmung einzulassen und sich auf diese Art und Weise ein Stück weit in der Vergangenheit und den Materialströmen zu verlieren. Wenn man bereit ist das Risiko einzugehen, lässt sich die eigene Identität ein Stück weit auflösen, wodurch wiederum etwas Neues, Unerwartetes passieren kann. Gewisse Konventionen, wie die eher negative Konnotation von ästhetischen Ansätzen wie Aggression, Depression, Idiosynkrasie, können sich umkehren und neue, positive Ansätze hervorbringen.
Die vermeintliche, ästhetische Sackgasse scheint den Blick in letzter Zeit verstärkt auf die Nischen gelenkt haben, das Interesse an eigentlich recht kleinen, obskuren D.I.Y-Labels wie Not Not Fun oder Hippos In Tanks ist plötzlich sehr groß. Profitiert ihr davon als Festival, das schon immer diese Nischen abgebildet hat?
Ich habe schon das Gefühl, dass das Interesse an den angesprochen Sachen und experimenteller Musik generell gewachsen ist, allein deswegen, weil es gar nicht mehr den klassischen Mainstream gibt, der diese Masse absorbiert, sondern einfach viel in diverse Mikro-Strömungen zersplittert. Die Leute sind auch insgesamt offener, sich mit vielen dieser Stränge zu beschäftigen. Allerdings ist es jetzt für uns nicht so signifikant, als dass das Festival jetzt jedes Jahr tausende von Besuchern mehr hätte oder die Resonanz plötzlich einen riesigen Sprung gemacht hätte. Natürlich ist die CTM in den Bereichen Publikum und Medienresonanz in den letzten Jahren ein wenig gewachsen. Es hängt wohl auch immer ein wenig davon ab, wie man die Dinge im Rahmen eines Festivals darstellt. Wir sind da relativ kompromisslos, wir würden komplexere Verstrickungen nie aus Bequemlichkeit wegfallen lassen. Das fängt bereits mit der Form der Kommunikation an. Wir wollen Sachverhalte nicht vereinfachen, sondern die Komplexität die wir vorfinden auch diskutieren. In dem Zusammenhang folgen uns dann doch nur bestimmte Leute. Man könnte solche kruden, experimentellen Dinge natürlich auch in einem, eventmäßigeren, konsumistischeren Zusammenhang bringen, das würde wahrscheinlich prächtig funktionieren, aber das ist nicht unser anliegen.
Also den Diskurs drum herum einfach wegfallen lassen?
Genau, oder das Programm einfach gar nicht erst inhaltlich abstimmen, sondern einfach eine Art »Hype-Hopping« machen und gar nicht erst die Frage stellen, ob sich diese Dinge untereinander etwas zu sagen haben.
Geht ihr denn an die Planung des Festivals eher aus einer Fan-Perspektive oder ist das eher ein theoretisch aufgeladener Prozess?
Zunächst sind wir immer erst mal Fans. Wir machen immer das, was uns selbst beschäftigt und interessiert. Demnach buchen wir natürlich auch viele Künstler, die wir auch persönlich schätzen. Aber aus dieser Fan-Perspektive ergibt sich zwangsläufig die Frage, warum man sich nun gerade von dieser oder jener Art von Musik überhaupt erst angesprochen fühlt. Und darauf versucht man eine Antwort zu formulieren, wovon sich wiederum ein Thema ableitet. Manche Sachen hört man eben nur, weil sie einen auf eine affektive oder körperliche Art und Weise mitnehmen, manchmal ist aber eben auch noch eine andere Ebene da. Das ist ja letztendlich das Tolle an Musik, man kann immer so oder so an sie heran. Und diese beiden Ebenen probieren wir natürlich auch immer in das Festival einzubringen. Du kannst zu unserem Festival kommen und einfach eine entspannte Zeit haben, abschalten und dir gute Konzerte angucken. Oder man geht eben auch in die Gesprächsprogramme und hat Lust, sich tiefergehend damit zu beschäftigen. Deswegen laden wir ja auch Redner ein, die nicht aus der Musik kommen. Dieses Jahr wird zum Beispiel der Philosoph und Autor des Buches »Die Müdigkeitsgesellschaft« zu Gast sein, der die These aufstellt, dass unsere Gesellschaft nicht an zu viel Negativität leidet, sondern an zu viel Positivität und dass sich eben daraus diese Ermüdungserscheinungen ergeben. Dieser vorherrschende Hyper-Kapitalismus fordert einen ja ständig dazu auf, an allem positiv zu partizipieren und sich ständig überall einzubringen.
Also wieder der Schulterschluss zur künstlerischen Praxis des Rückzugs als Reaktion auf die stetige Digitalisierung und die erdrückenden Archive?
Genau. Es geht darum, einfach auch mal gesamtgesellschaftlich zu fragen, ob es nicht angebracht wäre, nach irgendwelchen Möglichkeiten des Innehaltens zu suchen, um die eigene Position bestimmen zu können, anstatt dieser rastlosen Aufforderung des Mitmachens nachzukommen. Das ist der Motor dieser Erlebnis-Ökonomie, zu der Musik eben auch gehört. »Geh zum Konzert und hab Spaß. Gib Geld aus.» Und dann sollen die Erfahrungen wiederum in diese Maschinerie eingebracht werden, aus der letztlich andere ihre Gewinne ziehen. Hyper-Kapitalismus bedeutet ja eben auch, dass wir nicht mehr Produkte im Sinne von Gegenständen verwerten, sondern unsere Erlebnisse, unsere Affekte. Das heißt wir sind auf einer ganz anderen Ebene involviert und haben dadurch überhaupt keine Chance mehr zu differenzieren. Früher konnte man noch sagen »Das ist das Fließband, ich bin der entfremdete Arbeiter«. So einfach ist das heute nicht mehr. Solche Gedankenfiguren probieren wir dann auch mit einzubringen.
CTM.12 – Spectral
Festival for Adventurous Music and Related Visual Arts
30.01. – 05.02.2012, Berlin
www.ctm-fesival.de
Mit u.a. Grouper, James Ferraro , Oneohtrix Point Never, Balam Acab, Holy Other, Ital, Haxan Cloak, Tim Hecker, Ben Frost
