Als Ernest Greene vor etwa drei Jahren damit begann, in dem alten Kinderzimmer seines Elternhauses sehnsüchtigen LoFi-Pop zu produzieren, hätte er sich das aktuelle Interesse an seiner Musik wohl kaum ausmalen können. Der Grund für den damaligen Müßiggang waren ausbleibende Jobangebote nach dem Studium – ein Problem, dass sich mittlerweile erübrigt haben dürfte. Sein Debütalbum »Within And Without« katapultierte ihn im Sommer endgültig aus den eingeschworenen Blog-Zirkeln der digitalen Early Adaptor und sollte den sympathischen Wuschelkopf am Abend des 31. Oktobers samt Band im Kölner Studio 627 stranden lassen.
Der intime Rahmen und das gediegene Ambiente des Kölner Clubs erwiesen sich bereits im vergangenen Juni bei den Junior Boys als der perfekte Platz für ausformulierten Synthpop mit melancholischer Note. Wobei Washed Out im Bandformat tatsächlich als eine von Slowdive und Peter Gabriel informierte Variante des Kanadischen Duos durchgehen könnten. Die anfänglichen, leicht verunsicherten Laptop-Auftritte gehören sichtbar der Vergangenheit an. Neben einem Schlagzeuger und Bassisten wird Greene auf der Bühne von zwei weiteren Kollegen flankiert, die das Klangbild mit Backing-Vocals, Percussion und Synthesizer-Einsatz auffächern. Im Bandkollektiv löst sich Washed Out fast völlig von den sonst so dominierenden Samples und Loops. Viele Titel des Abends muten so eher wie extrem gut umgesetzte Cover-Versionen der ursprünglichen Songs an, die sich häufig nur noch an den Gesangsharmonien identifizieren lassen. Nur in seltenen Fällen, wie etwa dem Opener des aktuellen Albums »Eyes Be Closed« werden mit Hilfe eines iPads die Original-Samples eingebaut.
Greene selbst gibt sich bei all dem überraschend aufgeweckt, feuert das Publikum zum mitsingen, tanzen und klatschen an und will generell so überhaupt nicht in das Bild des entrückten Shoegazers passen, das sich beim Hören seiner Musik unwillkürlich vor dem inneren Auge formiert. Selbst von gelegentlichem Feedback-Dröhnen lässt sich niemand aus der Ruhe bringen. Bevor die Zuschauer nach einer perfekt auf den Punkt gebrachten Show in den Halloween-Abend entlassen werden, gibt es als Zugabe noch die Cover-Version von Chris Isaaks »Wicked Game«. Schaurig gut.
Besser kann man seine Leidenschaft nicht auf den Punkt bringen: Von Fans für Fans sei das Festival gemacht, verspricht der kurze Ankündigungstext auf der Homepage des Kölner »Week-End«. Im Gebäude des ehemaligen Ufa-Palasts, später Filmpalast, 1931 als Prestigeprojekt vom Architekten Wilhelm Riphahn erbaut und inzwischen wie so einige andere Kölner Lichtspielstätten mit glorreicher Vergangenheit leerstehend, wird am ersten Dezember-Wochenende 2011 tatsächlich ein Programm geboten, das selbst denjenigen, die in den letzten Jahren nichts von den Entwicklungen in den Mikrokosmen des Kölner (Pop-)Kulturbetriebs mitbekommen haben, auf den ersten Blick sowohl die Kuratorenhand sichtbar macht, als auch den eng miteinander verwobenen Kontext, von dem das hoch ambitionierte Line-Up aufgefangen wird, wie der Seiltänzer von dem unter ihm aufgespannten Netz.[ad]Allein auf den Zustand der Location muss man gespannt sein, barg der verzweigte und verschachtelte »Palast« doch zeitweise mehr als zehn, wenn auch teils sehr kleine Kinosäle – und verfügte außerdem über ein imposant großes Foyer. Es muss vom 02. – 04. Dezember auch einiges untergebracht werden: Allein für den Freitag sind bislang sechs Band-Konzerte, ein Soundsystem und ein DJ angekündigt. Das einheimische Publikum wird nicht überrascht sein, dass hinter dem vorzüglichen Booking der umtriebige Jan Lankisch steckt, der auch die Klubbar King Georg in den letzten Jahren mit Hätz un Schnüss zu einem Ort gemacht hat, an dem FreundInnen von frühestem DIY, schrägstem Postpunk, low-fiigster Elektronik und newester Wave im Wochentakt Feste feiern dürfen. In diesem Sinne:
John Maus, der ein wenig so klingt wie Julian Cope in seiner düstersten Synthiephase, die sympathisch-sphärischen High Lamas aus L.A, und der an Devo der Mittsiebziger erinnernde Gary War aus Brooklyn treffen am Auftaktabend auf die wahlkölner DJ-Ikone Michael Mayer sowie die Hamburg-Connection mit Jacques Palmingers Due Nutti Soundsystem und dem einzig wahren Jochen Distelmeyer, der offensichtlich nicht müde wird, alte Blumfeld-Songs mit den Stücken seines ersten Solo-Albums zu einem erbaulichen Set zu verquicken. Womöglich präsentiert er an diesem »Week-End« ja aber auch die ein oder andere Neuigkeit im Repertoire. Man darf gespannt sein.
Am Samstag geht es weiter mit der semi-legendären Family Fodder, die bereits 1979 im schönen Umfeld solcher Acts wie Blondie und The Slits gegründet wurde und ihren ersten Live-Auftritt nach zwanzig Jahren Bühnenabstinenz absolvieren wird. Dazu gesellt sich der inzwischen über-legendäre R. Stevie Moore, in dessen Fall es sich noch um Understatement handelte, würde er sich selbst als Gott der DIY-Szene bezeichnen. Natürlich tut der beinahe Sechzigjährige mit ungefähr 400 Alben auf dem Buckel so was nicht – er lässt lieber seine Songs für sich sprechen, und zwar kein bisschen leise. Das Brooklyner Duo Buke and Gass, ebenfalls auf den Samstag gebucht, begnügt sich nicht mit einem unverwechselbaren Sound jenseits aller Art-, Prog- und Punk-Rock-Klischess. Es stellt auch ein ganz eigenes Instrument vor – die Bariton-Ukulele, kurz »Buke«. Für Französisch-Nachhilfe sorgt die bezaubernd-schnoddrige Francoisz Breut, James Pants und die Schotten Optimo bestreiten den Abend für die Tanzbeine.
Da erscheint es fast als Randnotiz, dass am Sonntag mit Thurston Moore ein Held des Alternative Rock seine Aufwartung macht, der sich das Credo »Von Fans für Fans« ebenfalls mal hinter die Ohren geschrieben hatte, damals, als es mit Sonic Youth losging. Der ewig junge Mann ist ja nun auch schon über Fuffzig und hat drei Soloalben abgeliefert, wird sich aber bestimmt vom vielfältigen Schaffen im Rahmen des »Week-End« und dem geschichtsträchtigen Ort, an dem es stattfindet, inspirieren lassen. Ob er sich nachher bei der Trinkhallen Schickeria einkleidet oder bei A-Musik Platten kauft, vorher mit der Hug Me, Heimlich-Ausstellung den Barnum-Effekt unter die Lupe nimmt oder sich an dem noch zu bestätigenden Filmprogramm labt. Oder, oder, oder. Er wird zwar den Popcornduft in den Räumlichkeiten anders als mancher nostalgische Kölner kaum vermissen, dürfte aber feststellen: »Week-End« bietet in allen Belangen großes Kino – im Rahmen des vierwöchigen Theaterfestivals »Gobalize:Cologne«. Wer hätte gedacht, dass Köln noch so viel Blut in sich hat.
WEEK END – A different Festival for Music, Film & Arts. 02—04 Dezember 2011
Thurston Moore
James Pants
Family Fodder
Jochen Distelmeyer
Francoiz Breut
Gary War
Buke and Gass
R. Stevie Moore
High Places
Roedelius/Schneider
Jaqcues Palminger
Optimo Twitch & Wilkes
Michael Mayer
Ein Sonntagabend in Köln, nach dem bisher heißesten Tag des Jahres. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Gig. Aber der exzellente Ruf von Kurt Vile und seinen Violators lockt dann doch so viele Neugierige aus den Parks und von den Plätzen ins King Georg, dass man getrost von ausverkauft sprechen kann. Und schnell stellt sich heraus, dass die Entscheidung gegen das nächste Kioskbier und für den Mann aus Philly die richtige war: Vier sympathisch-verpeilte Zottel zelebrieren hier einen Tanz um den Totempfahl Rock, als wären Neil Young und Crazy Horse in sie gefahren. Drei Gitarren, kein Bass, aber ein Drummer, der sein Instrument mit Rassel, Händen, Paukenschlägel und Sticks bearbeitet, als wäre es sein letzter Auftritt vor dem Ritt in die ewigen Jagdgründe. Leider ist Viles Stimme im ersten Teil des Sets oft nur zu erahnen, doch das wabernde, stets nahtlos in sich greifende Spiel von ihm und seinen beiden Lead-Gitarristen wiegt die Lücken im Gesang auf.
Im Universum des Kurt Vile fehlen ohnehin die großen Hits, seine Songs leben von starken Momenten: Wenn sich die drei Gitarren gegenseitig hochschrauben, bis Jesse Trbovich in einem Wall of Sound seine Mähne schüttelt, oder Vile bei der Akustik-Ballade „Peeping Tomboy“ immer wieder die kurze Pause wirken lässt, bevor er erneut mit seinem filigranen Lick einsetzt, dann braucht es keine Faust in der Luft. Dann nickt die kreisrund versammelte Gemeinde im Takt, mit einem Lächeln im Gesicht. Entsprechend wird auf Showeinlagen verzichtet, Vile versteckt sich lieber hinter seiner Haarwand und lässt bis auf ein bübisches Grinsen und ein wiederholtes „You are beautiful! Both physically and spiritually!“ die Musik sprechen. Was hier stattfindet, ist die gelungene Kombination aus Cinemascope-Rock und Lo-Fi. Der perfekte Sound für den Sonntagabend eben.
Als vor kurzem das Debüt-Album von MillionYoung alias Mike Diaz erschien, war die Enttäuschung vielerorts groß. Nach den großartigen EPs folgte eine eher durchschnittliche Aufwärmung von dem, was Künstler wie Washed Out oder Toro Y Moi bereits durchdekliniert hatten. Die von Yours Truly aufgezeichnete Live-Session lässt zumindest darauf hoffen, dass der geschmeidige Indie-Pop live und in Bandbesetzung überzeugen kann: